KILL YOUR EGO
March
18
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2026
2026
Good Governance
Charakter schlägt Compliance
Von Ulvi Aydin
Als ein Konzern entschied, wer er sein wollte
Herbst 1982, Chicago. Innerhalb weniger Tage sterben sieben Menschen, darunter ein zwölfjähriges Mädchen, nachdem sie das schmerzlindernde Medikament „Tylenol“ eingenommen haben. Die Ermittlungen ergeben: Die Kapseln wurden im Einzelhandel manipuliert, mit Zyankali versetzt. Kein Produktionsfehler also, kein Qualitätsversagen, keine interne Schlamperei. Die Tat geschah außerhalb der Kontrolle des Herstellers Johnson & Johnson. Juristisch trug das Unternehmen keine Schuld. Kein Gesetz verpflichtete es zu Maßnahmen. Kein Gericht forderte Entschädigungen. Die Geschäftsführung hätte sich zurücklehnen, Bedauern ausdrücken und auf Ermittlungen verweisen können. Sie hätte die Verantwortung elegant delegieren können: an Täter, Händler, Umstände.
Stattdessen geschah etwas anderes: Unter der Leitung von CEO James E. Burke reagierte Johnson & Johnson unmittelbar und radikal. Das Unternehmen rief landesweit rund 31 Millionen Packungen zurück – ein finanzieller Verlust von über 100 Millionen US-Dollar, in damaliger Kaufkraft eine gewaltige Summe. Gleichzeitig warnte man öffentlich über alle Medienkanäle vor dem Konsum des Produkts. Keine Beschwichtigung, kein Abwiegeln, keine Nebelkerzen. Und dann kam der entscheidende Schritt: Innerhalb weniger Monate wurde Tylenol in einer weltweit neuartigen, dreifach versiegelten, manipulationssicheren Verpackung wieder eingeführt. Zusätzlich ersetzte man die leicht zu öffnenden Kapseln durch feste Caplets, um zukünftige Manipulationen erheblich zu erschweren. Prinzipien sind kein Luxus – sie sind Identität
Johnson & Johnson handelte nicht aus Zwang. Es handelte aus einem Prinzip. Das unternehmenseigene Credo stellte die Verantwortung gegenüber Kunden über die Interessen der Aktionäre. Und in diesem Moment wurde aus einem Unternehmensleitbild gelebte Realität. Das ist Good Governance! Nicht als Schlagwort. Sondern als Entscheidung unter Druck. Viele Unternehmen haben heute Leitbilder, Wertekanons, Ethikrichtlinien. Sie klingen hervorragend. Doch die entscheidende Frage lautet: Was passiert, wenn diese Werte Geld kosten?
Prinzipien sind nur dann Prinzipien, wenn sie auch dann gelten, wenn sie unbequem sind. Wenn sie Gewinn schmälern. Wenn sie Geschwindigkeit reduzieren. Wenn sie interne Konflikte auslösen. Alles andere ist leeres Marketing. Der Tylenol-Fall zeigt, was ein Prinzip bedeutet. Es ist eine Entscheidung, die nicht durch juristische Minimalanforderungen definiert wird, sondern durch Selbstverpflichtung. In der Managementpraxis erlebe ich häufig das Gegenteil: Werte werden formuliert, aber sie bleiben abstrakt. „Kunde im Mittelpunkt“ heißt in der Realität oft: solange es die Marge nicht gefährdet. „Integrität“ bedeutet: solange es keine Nachteile bringt. Das ist keine Führung. Das ist Opportunismus in gepflegter Sprache! Und damit: Bullshit!
Der persönliche Kodex: Führung beginnt innen
Ein Unternehmen kann nur so prinzipientreu sein wie seine Führung. Deshalb braucht jeder Manager einen persönlichen Kodex, einen „Code of Conduct“ als inneren Maßstab. So ein Kodex bedeutet Selbstbindung. Und Selbstbindung wird oft missverstanden: Sie wird als Einschränkung gesehen, als Verlust von Flexibilität. Tatsächlich ist sie das Gegenteil. Wer sich selbst Grenzen setzt, bleibt souverän. Wer keine inneren Grenzen kennt, wird irgendwann von äußeren Grenzen gestoppt. Wenn Führungskräfte keinen klaren inneren Maßstab haben, reagieren sie erratisch. Heute großzügig, morgen kompromissbereit, übermorgen kompromisslos, je nach Druck, Bonusziel oder öffentlicher Wahrnehmung. Diese Form der Situationsethik wirkt pragmatisch, zerstört aber langfristig Vertrauen.
Der Philosoph Immanuel Kant formulierte diesen Grundgedanken in seinem „kategorischen Imperativ“ schon vor Jahrhunderten: Handle nur so, dass dein Verhalten als allgemeine Regel taugen würde. Übersetzt ins Management heißt das: Würden Sie akzeptieren, dass alle Marktteilnehmer genauso handeln wie Sie? Wenn Sie bewusst Informationen zurückhalten, um Vorteile zu erzielen, wollen Sie, dass Ihre Zulieferer das auch mit Ihnen tun? Wenn die ehrliche Antwort „nein“ lautet, dann wissen Sie, dass Ihr Verhalten nicht auf Prinzipien beruht, sondern auf kurzfristigem Vorteil. Ein Kodex zwingt zur Selbstprüfung vor der Entscheidung – und nicht erst nach dem Skandal. Daran sieht man auch, dass der aktuelle US-amerikanische Präsident keine Prinzipien hat. God bless America!
Good Governance ist ein Produktivitätsfaktor!
Wer keine Prinzipien hat, wird kein Vertrauen aufbauen können. Weder bei Mitarbeitern noch bei Kunden. Und Vertrauen ist ein wichtiger Markenwert, ökonomisch messbar. Es reduziert Kontrollaufwand. Es verkürzt Entscheidungswege. Es minimiert Absicherungsmechanismen. Fehlt Vertrauen, steigen die Transaktionskosten. Verträge werden länger. Abstimmungsrunden zahlreicher. Compliance-Strukturen komplexer. Jede einzelne Maßnahme scheint rational, doch in Summe entsteht nur Aufwand. Und Aufwand bedeutet Zeit, Zeit bedeutet Geld und so weiter und so fort.
Good Governance ist daher kein moralischer Luxus, sondern ein Produktivitätsfaktor! Ein Unternehmen mit klaren Prinzipien benötigt weniger interne Sicherungsschleifen und weniger Bürokratie, weil sein Verhalten berechenbar ist. Mitarbeiter wissen, woran sie sind. Partner kennen die Grenzen. Investoren erkennen Stabilität. Mahatma Gandhi formulierte es treffend: „Geschäfte ohne Gewissen sind keine Geschäfte.“ Das klingt moralisch, ist aber ökonomisch präzise. Ein Geschäft ohne Gewissen zerstört Vertrauen. Und ohne Vertrauen verliert ein Unternehmen an Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit!
Prinzipien zeigen sich im Detail
Good Governance ist kein Konzept für Krisensituationen allein. Sie zeigt sich auch im Alltag. Ein Unternehmen, das „Kunde zuerst“ propagiert und gleichzeitig die besten Parkplätze für die Geschäftsführung reserviert, sendet ein fatales Signal. Symbolik prägt Kultur. Wenn Hierarchie sichtbar wichtiger ist als Kundenorientierung, dann ist das Leitbild entkoppelt von der Realität – und das Unternehmen prinzipienlos!
Oder denken Sie an eine Messe: Ein Key-Account-Manager spricht mit dem Geschäftsführer, ein Kunde tritt an den Stand. In einem Unternehmen mit klaren Prinzipien endet das Gespräch sofort, und der Kunde erhält Priorität. Nicht aus Unterwürfigkeit, sondern aus Klarheit. Wo Hierarchie wichtiger ist als Kunde, fehlen Prinzipien. Charakter als letzte Instanz
Solche Details mögen banal erscheinen. Sie sind es nicht! Sie sind Ausdruck dessen, was tatsächlich gilt. Und wenn Sie als Manager glauben, solche Dinge seien Nebensache, dann haben Sie Führung nicht verstanden. Dann verwalten Sie Titel, aber keine Verantwortung. Dann predigen Sie Werte und leben Bequemlichkeit. Und dann brauchen Sie sich nicht zu wundern, wenn Ihre Organisation irgendwann genauso prinzipienlos agiert wie Sie selbst.
Denn am Ende ist Charakter mit klaren Prinzipien die letzte innere Distanz zwischen Macht und Missbrauch. Systeme können versagen, Kontrollen können umgangen werden, Prozesse können kreativ interpretiert werden – aber ein gefestigter Charakter setzt sich selbst Grenzen, bevor es andere tun müssen. Diese innere Distanz, dieses bewusste Innehalten vor der Entscheidung, ist das unsichtbare Sicherheitsnetz jeder Organisation. Kill your Ego!
Good Governance scheitert selten am System. Sie scheitert am Ego. Je höher eine Führungskraft steigt, desto gefährlicher wird ihr Selbstbild. Erfolg verstärkt Selbstgewissheit. Macht verstärkt Unangreifbarkeit. Applaus erzeugt ein verzerrtes Realitätsgefühl. Wer jahrelang befördert, gefeiert und bestätigt wird, beginnt irgendwann zu glauben, er sei nicht nur erfolgreich, sondern überlegen. Und wer sich für überlegen hält, hält Regeln für verhandelbar. Genau hier beginnt der Verfall.
Es sind nicht die spektakulären, kriminellen Entscheidungen, die Governance zerstören. Es sind die kleinen, rationalisierten Ausnahmen. Die bewusste Informationszurückhaltung. Das stille Dulden von Grenzüberschreitungen, solange die Zahlen stimmen. Das Ego findet immer Argumente. Es tarnt Opportunismus als Pragmatismus. Es verkauft Regelbrüche als Flexibilität. Es nennt Selbstüberschätzung „Vision“. So entsteht eine gefährliche Spirale: Erfolg verstärkt Ego, Ego schwächt Selbstkontrolle, geschwächte Selbstkontrolle erzeugt riskantere Entscheidungen.
Die stärksten Führungskräfte haben Disziplin!
Good Governance ist genau dafür da, das Ego zu begrenzen. Nicht das System muss zuerst kontrolliert werden, sondern der Entscheider selbst. Ein persönlicher Kodex ist nichts anderes als ein Gegengewicht zum eigenen Selbstbild. Wer ihn hat, hat Disziplin. Und: Die stärksten Führungspersönlichkeiten sind jene mit der größten inneren Disziplin. Sie wissen um ihre Wirkung. Sie wissen um die Versuchung der Macht. Und sie wissen, dass Größe nicht darin besteht, sich über Regeln zu stellen, sondern sich an ihnen zu halten. Im Grunde ist das keine neue Erkenntnis. Schon die Zehn Gebote waren nichts anderes als ein klarer, kompromissloser Prinzipienkatalog, der Macht, Besitz und Begehren Grenzen setzte, lange bevor es Governance-Handbücher und Compliance-Abteilungen gab. Keine klaren Prinzipien an der Spitze bleibt es Fassade. Charakter zeigt sich, wenn eine Entscheidung auch mal kurzfristige Nachteile bringt. Wenn niemand hinsieht! Fazit: Wer wollen Sie sein?
Der Tylenol-Fall ist ein Prüfstein für Führung mit Wertekodex. Er zeigt, dass Prinzipien nicht nur moralisch richtig, sondern strategisch klug sind. Good Governance ist die Grundlage nachhaltiger Führung. Wer Prinzipien lebt, baut Vertrauen auf. Wer sie opportunistisch auslegt, baut Misstrauen auf. Und am Ende wird nicht gefragt, wie perfekt das Leitbild formuliert war, sondern ob danach gehandelt wurde.
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KILL YOUR EGO
GOOD GOVERNANCE SCHEITERT AM CHARAKTER
Wie ein Unternehmen 100 Millionen verlor, aber genau dadurch Charakter zeigte.

March 17, 2026
2026
Ulvi AYDIN (Jahrgang 1960) ist preisgekrönter Premium Executive Interim Manager (DDIM)Unternehmens- und Unternehmer-EntwicklerBeiratXING-InsiderSpeakerMarkenbotschafterBuchautor - AYCON BücherDEUTSCHE BÖRSE GRUPU zetifizierter und qualifizierter Aufsichtsrat:devider:Als international agierender Interim-CEO und -CSO unterstützt er mittelständische Unternehmen und Konzerne bei Marken- und Marktentwicklung, Neu-Positionierung, Restrukturierung und Vertriebsexzellenz. Als international agierender Interim-CEO und -CSO unterstützt er mittelständische Unternehmen und Konzerne bei Marken- und Marktentwicklung, Neu-Positionierung, Restrukturierung und Vertriebsexzellenz. AYDIN ist … … Mitglied im IBWF - Institut & Beraternetzwerk qualifizierter Unternehmensberater, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Rechtsanwälte und Notare für den Mittelstand - IBWF… Mitglied im Berufsfachverband "Die KMU Berater-Bundesverband freier Berater e.V.“. - KMU Berater… zertifizierter BAFA Berater und zertifizierter „BERATER OFFENSIVE MITTELSTAND“. - BAFA… Mitglied im DDIM - Dachgesellschaft Deutsches Interim Management e.V. - DDIM … Mitglied im ArMiD, Aufsichtsräte Mittelstand in Deutschland e.V. - ArMIDZertifizierter & Qualifizierter Aufsichtsrat - DEUTSCHE BÖRSE GROUP - DEUTSCHE BÖRSE Über seine Erfahrungen als Interim Manager schreibt er in diversen Wirtschaft-Medien (Wirtschaftswoche, SpringerProfessional, Transformations-Magazin, Controller Magazin, Harvard Business Manager, etc.).
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About Ulvi I. AYDIN
Ulvi I. AYDIN: Als international agierender Interim-CEO und -CSO unterstützt er mittelständische Unternehmen und Konzerne bei Marken- und Marktentwicklung, Neu-Positionierung, Organisations-Entwicklung, Restrukturierung und Vertriebsexzellenz.
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